Grönland – Kleines Schiff im ewigen Eis

Grönland – Kleines Schiff im ewigen Eis

19. August 2018 0 Von reisekurier

Anfang Juli 2017. Im Sommer lässt es sich am besten in die Arktis reisen. Die Temperaturen sind mit knapp über dem Gefrierpunkt recht angenehm und die Eisdecke hat sich für Expeditionsschiffe in dieser Zeit als sehr gut passierbar entwickelt. Der Hannoveraner Reiseveranstalter „Polar Kreuzfahrten“ hat sich auf Expeditionserlebnisse in kleinen Gruppen spezialisiert. Fahrgebiete sind vornehmlich die Arktis (Grönland, Spitzbergen, Russische Arktis, Alaska, Kanada und Island) sowie die Antarktis (Antarktische Halbinsel, Südgeorgien, Falklandinseln). Die eingesetzten Schiffe sind keinesfalls irgendwelche Luxuskreuzer, sondern kleinere Expeditionsschiffe, die aufgrund ihrer Größe und Bauweise sowie einer sehr erfahrenen Crew auf diese speziellen Fahrgebiete ausgerichtet sind. 

Mit der 1963 gebauten und 33,5 Meter langen „Cape Race“ soll es für acht Tage auf eine spannende Expeditionsreise gehen. Die Route: Start ist in Narsarsuaq/Südgrönland, dann geht‘s weiter durch den Prins Christian Sund und anschließend entlang der Ostküste, hinauf bis Kulusuk, eine kleine Siedlung mit nur 242 Einwohnern, aber dafür mit einem internationalen Flughafen. 

Die Anreise verläuft problemlos über Paris mit Direktflug nach Reykjavik auf Island. Dort warten auch spätnachts die Airport-Busse, die gut durchorganisiert die Gäste bequem bis vor die Eingangstüren ihrer Hotels bringen. Es ist bereits nach Mitternacht, als wir im „Grand Hótel Reykjavik“ ankommen. Die Augen lassen sich kaum noch offen halten und die Hotelbar hat auch längst geschlossen, sodass es schnurstracks ins Hotelzimmer geht. Die Betten sind gemütlich und der Schlaf ist tief und fest. 

Am nächsten Morgen bleiben noch ein paar Stunden zum Erkunden der isländischen Hauptstadt. Von unserem Hotel sind es nur vier Kilometer Fußweg. Immer entlang der Küstenstraße Sæbraut lässt sich bereits viel entdecken. Einen Ort mit einer ganz besonderen Geschichte finden wir bereits nach wenigen hundert Metern. „Höfði“, so nennt sich das Gästehaus Reykjaviks. 1909 wurde das zweistöckige, recht bescheiden wirkende Haus im Auftrag der französischen Regierung für deren Konsul Jean-Paul Brillouin erbaut. Längere Zeit lebte dort auch der isländische Lyriker Einar Benediktsson, zu dessen Ehren der Bildhauer Sigurjón Ólafsson 1964 eine Skulptur schuf, die vor wenigen Jahren direkt neben dem heutigen Gästehaus aufgestellt wurde. So richtig berühmt wurde das „Höfði“ aber erst im Jahre 1986. Vom 10. bis 12. Oktober fand in diesem Gebäude das Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und Michael Gorbatschow, dem Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), statt. Die Gespräche führten zum Ende des Kalten Krieges und der anschließenden Demokratisierung der UdSSR und Osteuropas. Ein Stück der Berliner Mauer neben dem „Höfði“ erinnert an diesen Meilenstein der Weltgeschichte. 

Einen weiteren Fotostopp müssen wir natürlich bei der Sonnenfahrt-Skulptur (Sólfarið) des isländischen Künstlers Jón Gunnar Árnason einlegen. Das aus Edelstahl bestehende Kunstwerk, das ein Wikingerschiff darstellt und bei Sonnenuntergang in den Norden zeigt, darf in keinem Reiseführer fehlen. Und auf unserer – bislang noch fast leeren – Speicherkarte der Digitalkamera natürlich auch nicht. 

In der nördlichsten Hauptstadt der Welt gibt es aber noch viel mehr zu entdecken. In der größten Stadt Islands leben ungefähr 123.000 Einwohner und damit über 37 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dem Hafen kommt aufgrund der starken Fischereiwirtschaft eine besondere Bedeutung zu. Viele Museen und Galerien fokussieren die Bedeutung moderner isländischer Kultur, aber auch des gewichtigen Kulturerbes des Landes. Eindrucksvoll ist dabei das Konzerthaus und Konferenzzentrum „Harpa“ direkt in Hafennähe. Allein der Konzertsaal bietet Platz für 1600 Gäste. Wahrzeichen der Stadt ist mit Sicherheit auch das höchste Gebäude Islands, die moderne, lutherische Kirche „Hallgrímskirkja“. Vom 74,5 Meter hohen Turm lässt sich die beste Aussicht über die Stadt genießen. Es bleibt noch ein wenig Zeit für einen Spaziergang durch die Fußgängerzone. Mittendrin befindet sich das „Café Paris“. Von seiner Außenterrasse aus lässt sich bei einem leckeren Milchkaffee das touristische Treiben in der Stadt entspannt beobachten. Nun ist es aber langsam wieder Zeit, zum Hotel zurückzukehren. 

Gegen Mittag treffen wir in der Hotellobby erstmals auf unsere kleine Reisegruppe. Paul und seine Frau Marlies, die jetzt beide als Lehrer im Ruhestand endlich die Zeit zum Reisen finden. Gertrud, die einen Pflegedienst leitet und bereits das vierte Mal mit „Polar Kreuzfahrten“ in den arktischen Regionen unterwegs ist. Heinz, Andreas und Christof, alle haben irgendwas mit Informatik zu tun und sind allein auf dieser Reise unterwegs. Sie haben schon immer von einer solchen Expedition in die Arktis geträumt. Als große Naturliebhaber wollen sie diese Kreuzfahrt dokumentieren und haben ihre Koffer voll mit moderner Fototechnik. Der Reisepreis in fast fünfstelliger Höhe schreckte sie dabei nicht ab. Am Ende dieser Tour werden sie sagen: „Diese Reise war jeden Cent wert!“ Auch Norbert Rosing, ein bekannter Naturfotograf, der für GEO und National Geographic arbeitet, ist mit an Bord. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder? Ach natürlich, ganz wichtig. Simon, unser Expeditionsleiter, der eigentlich gerade an seiner Promotion in Meeresbiologie arbeitet, aber schon seit vielen, vielen Jahren Reisen in die Arktis, vor allem nach Spitzbergen und Grönland, fachkundig begleitet, und Stephanie aus dem Hannoveraner Büro von „Polar Kreuzfahrten“ sind auch dabei. Wir sind also vollständig. Sechs Gäste, ein bekannter Naturfotograf und zwei Journalisten, dazu die Crew. 

Mit einer kleinen Turboprop-Maschine, einer Bombardier Dash-8 Q400 von „Air Iceland“, geht es in knapp drei Stunden direkt von Reykjavik nach Narsarsuaq. Der kleine Ort mit etwa 154 Einwohnern verfügt über einen Flughafen und ein Hotel, die zugleich Hauptarbeitgeber in der fast menschenleeren Region sind. Dass es dort überhaupt einen Flughafen gibt, hängt mit verschiedenen Kriegen zusammen. Narsarsuaq nannte sich einst auch „Blue West One“ und war Basis des US-Militärs. Im Zweiten Weltkrieg landeten hier die US-Flugzeuge auf ihrem Weg nach Europa. Sie tankten kurz auf und flogen weiter zu den Kriegsschauplätzen. Bis zu 4000 Amerikaner sollen während dieser Zeit am Betrieb der Basis „Blue West One“ beteiligt gewesen sein. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10.000 Flugzeuge hier abgefertigt wurden, darunter in den Nachkriegsjahren auch die Rosinenbomber, die 1948 und 1949 über die „Berliner Luftbrücke“ die eingeschlossene Bevölkerung mit Hilfsgütern versorgten. In den Jahren 1951 bis 1954 wurde die Basis noch einmal von den US-Streitkräften wiederbelebt. Man errichtete ein 250-Betten-Krankenhaus, wo die Verwundeten aus dem Korea-Krieg versorgt wurden. So stellte man sicher, dass der Schrecken und die Kriegsfolgen im Heimatland zunächst verborgen blieben. 1958 verließ die US-Armee endgültig Narsarsuaq, aber einige Gebäude des Krankenhauses zeugen von dieser Zeit – in ihnen ist das einzige Hotel des Ortes untergebracht. Auch der Flughafen blieb und er wird von vielen Piloten als einer der schönsten, aber auch anspruchsvollsten Grönlands bezeichnet. Um diesen anzufliegen, ist viel Können einer erfahrenen Crew notwendig. Nur bei besten Sicht- und Wetterverhältnissen ist eine Landung bzw. ein Start möglich, denn der Flugplatz liegt am Ende eines Fjords, der sich nach Westen hin öffnet und ansonsten von hohen Bergen umgeben ist. Wir haben Glück und genießen aus den kleinen Flugzeugfenstern den traumhaften Blick auf die vom Eis bedeckte Landschaft Grönlands. Auch ahnen wir bei der Landung nicht, dass es in der Vergangenheit schon das ein oder andere Flugzeug gab, das über die Piste hinaus im kalten Wasser des Fjordes landete und absoff. 

Piloten von „Air Iceland“ dürften aber bei diesen sehr anspruchsvollen Flugrouten schon reichlich Erfahrung gesammelt haben und so kommt unsere Propellermaschine auch sicher neben dem kleinen Flughafengebäude zum Stehen. Über eine kleine Treppe verlassen die knapp 50 Gäste das Flugzeug und haben endlich Grönland, die riesige Insel zwischen Nordatlantik und Nordpolarmeer, erreicht. Wir betreten das seit 1814 zu Dänemark gehörende autonome Territorium mit einer Gesamtbevölkerung von gerade mal 56.000 Einwohnern. Nachdem man seine Koffer vom ca. zwei bis drei Meter langen „Gepäckförderband“ genommen hat, die Passformalitäten in wenigen Minuten erledigt hat und das kleine Häuschen, das auf dem „Internationalen Flughafen Narsarsuaq“ steht, verlassen hat, ist man schon offiziell auf Grönland eingereist. Mit einem alten, recht klapprigen Ortsbus geht‘s vom Flughafen direkt hinunter zum Hafen, wo bereits unser Schiff, die „Cape Race“, auf uns wartet. 

Beim Thema Kreuzfahrt denkt man ja häufig an die großen, luxuriösen Passagierschiffe, wo man außer Essen, Trinken und In-der-Sonne-Liegen nichts mehr zu machen braucht. Die Crew umsorgt die Passagiere von morgens bis abends. Die Betten werden gemacht, mindestens fünf Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Abendessen und Mitternachtssnack) serviert, abends wartet ein Showprogramm und gelegentlich soll ein Landausflug für etwas Abwechslung bei den Passagieren sorgen. Bei einer Expeditionsreise ist das anders. Und bei der „MS Cape Race“ ist das völlig anders. Ursprünglich war das kleine Schiff ein Hochseetrawler, der bereits 1963 gebaut wurde und in den anspruchsvollsten Gewässern der Welt auf Fischfang ging. 2012 übernahm der neue Eigner und Kapitän Miloš Simović das Schiff und investierte über 1,2 Millionen US-Dollar in den Umbau als Expeditions- und Forschungsschiff. Die Kombination aus Stabilität und Komfort macht die „Cape Race“ zu einer Yacht für sichere und außergewöhnliche Reisen in die schwierigsten Polargebiete. So war die „CaRa“, wie sie von vielen genannt wird, häufig für die U. S. Navy, die NASA und die amerikanische National Science Foundation unterwegs. Auch für zahlreiche Dreharbeiten von Kino- und TV-Projekten leistete sie wichtige Einsätze. Seit 2017 ist sie an ausgewählten Terminen für den Hannoveraner Reiseveranstalter „Polar Kreuzfahrten“ im Vollcharter unterwegs in der Arktis.

An Bord der „Cape Race“ befindet sich eine Vielzahl offener und großzügiger Aufenthaltsmöglichkeiten. Mit Hartholz wurde das Hauptdeck beplankt, nach traditioneller Methode kalfatert (abgedichtet) und mit einer Teer-Öl-Mischung wetterfest konserviert. Ein wenig erinnern die Seitendecks im stark verkleinerten Maßstab an ein Kreuzfahrtschiff vergangener Tage. Das über eine kleine Treppe erreichbare Vorderdeck, aber auch das Achterdeck, eignen sich ideal für Foto- und Filmaufnahmen. Die sieben Kabinen bieten Platz für maximal zwölf Passagiere und vermitteln mit den liebevoll getäfelten Wänden, Decken und Holzfußböden eine wohlige Atmosphäre. Ein kleiner Schreibtisch mit Stromanschluss ist ebenso vorhanden. Da sich die meisten Kabinen unter Deck befinden, haben sie trotz der schönen Einrichtung den Nachteil, dass sie fensterlos sind und deshalb meist auf die Schlafbedürfnisse reduziert werden. Warum allerdings Schlafen auf der „Cape Race“ kaum möglich ist, werden wir in den nächsten Tagen noch genauer erfahren. Herz des Schiffes ist aber der gut beheizte und mit Mahagoni-Holz getäfelte Salon. Hier sitzt man beisammen, plaudert, lauscht den Vorträgen, liest oder blättert in den vielen Bildbänden über die Polarregionen. Heißen Kaffee oder Tee, Softdrinks, Wein und Bier gibt es 24 Stunden von der kleinen Bar. Und dreimal am Tag wartet hier ein leckeres Frühstück, Mittag- und Abendessen auf die Passagiere. 

Doch bevor wir uns im Detail unser Zuhause für die nächsten Tage anschauen können, werden wir erstmal von der kompletten Crew per Handschlag begrüßt: von Kapitän Kim Smith (Kanada), seinem Navigationsoffizier Travis (Australien), dem 1. Offizier Robin (Schweden), von Jaron Flack (England), dem Maschinisten, der trotz der arktischen Kälte immer barfuß und in kurzen Hosen unterwegs ist, und von Marco, dem Koch aus Belgrad, der den ganzen Tag am liebsten in Schlafanzughosen verbringt, der aber unglaublich leckeres Essen zubereitet und mit dem man stundenlang über viele philosophische Fragen der Zeit diskutieren kann. Und nicht zuletzt werden wir von Emmet und Jack willkommen geheißen, beide recht universell eingesetzte Servicekräfte oder auch „Deck Hands“ genannt. Sie kommen aus Kanada und finanzieren sich mit der Arbeit ihr Nautik-Studium. Allen gemeinsam ist, dass sie hier an Bord sind, weil sie ihren Beruf lieben, die arktischen Gewässer, ihr kleines und verlässliches Schiff, die „Cape Race“, mit der sie in den letzten Jahren schon so manches Abenteuer erlebt haben. Werden Wale oder Eisbären entdeckt, sind sie die Ersten, die zum Fernglas oder ihrer teuren Spiegelreflexkamera greifen. Mit dieser erfahrenen Crew fühlen wir uns sicher und sind bereit für unser Abenteuer in den arktischen Gewässern. 

Nach der obligatorischen Sicherheitsübung im Salon, die aufgrund der Klimaverhältnisse einige Besonderheiten aufweist, geht es auch schon los. Die „Cape Race“ legt ab und nach einigen Seemeilen wird bereits ein Zodiac, ein eisgängiges, motorisiertes Schlauchboot für maximal zehn Personen) zu Wasser gelassen. Wir besuchen die ehemalige Wikingersiedlung Brattahlíð, wo sich der berühmte „Erik der Rote“ um das Jahr 1000 mit seiner Frau und seinen Gefolgsleuten niederließ. Dieser Ort ist aus archäologischer Sicht sehr interessant. Hier fand man unter anderem die Grundmauern der ersten christlichen Kirche in Grönland, die nach den Wünschen der Frau von Erik dem Roten errichtet wurde. Wir bestaunen den wunderschönen Nachbau der Kirche und lassen uns weitere Spuren dieser Siedlung zeigen, die bis Anfang des 15. Jahrhunderts bestand und ein Bevölkerungsmaximum von bis zu 5000 Einwohnern erreichte. 

Nach unserem ersten Landausflug fahren wir mit dem Zodiac zurück zur „Cape Race“, wo ein schmackhaftes Abendessen samt Dosenbier (man macht einfach einen Strich auf eine Liste am Kühlschrank) auf uns wartet. Gleich im Anschluss geht‘s ab in die Koje. Gemeinsam mit einem anderen Reisejournalisten wird eine Fünferkabine im fensterlosen Vorderschiff (drei Kojen bleiben frei und dienen in den nächsten Tagen als gepolsterte Ablagefläche für unsere Fotoausrüstung) geteilt. Ein echter Luxus. So viel Platz, sogar ein eigenes Bad samt Toilette und Dusche ist vorhanden. Nur an das Duschgel hätte man noch denken können. Auf Kreuzfahrtschiffen gehört dies eigentlich zum Standard, aber wir sind ja auch auf einer Expedition. Wir müssen da noch einiges lernen! Tief und fest ist der Schlaf unserer ersten Nacht an Bord. 

7 Uhr morgens. In der kleinen Lounge haben sich bereits einige Gäste zum Frühstück versammelt. Warmer Kaffee oder Tee, Toast mit Nutella, Müsli oder Porridge stehen zur Auswahl. Es schmeckt. Buffets sind was für verwöhnte Weicheier. Um 8 Uhr sind bereits alle Gäste an Deck. Die ersten Wale werden gesichtet, Robben liegen entspannt auf den Eisschollen, die sich nur wenige Meter vom Schiff entfernt befinden. Diesen Anblick werden wir in den nächsten Tagen immer wieder genießen und uns daran auch nicht sattsehen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Momente, die wir niemals vergessen werden. Wir werden diese Bilder in unseren Köpfen und Herzen verewigen, nicht nur auf den Speicherchips unserer Kameras. 

Wir erreichen den kleinen Ort Nanortalik, die südlichste Siedlung Grönlands, die zugleich Ausgangspunkt für viele fantastische Ausflüge in die Welt der Fjorde ist. Die einheimischen Inuit schätzen diesen Ort aufgrund seines Robbenreichtums und der guten Möglichkeiten für einen erfolgreichen Fischfang. Der Name „Nanortalik“ bedeutet auch „Ort der Bären“. Im Frühjahr treiben tatsächlich viele ausgehungerte Bären auf den Eisschollen in die Nähe des Ortes. Für die Jäger eine willkommene Beute, aber zugleich auch eine große Gefahr für Menschen und andere Tiere. Nanortalik liegt auf einer kleinen Insel, direkt vor dem Ausgang des riesigen Tasermiutfjords. Die Tierwelt ist vielfältig in der südlichen Region Grönlands. Neben Walen finden sich hier Polarfüchse, Schneehasen, Seeadler, Kolkraben, Eiderenten, aber auch zahlreiche Singvogelarten wieder. Der Fjord ist umgeben von hohen, vergletscherten Granitbergen, die teilweise eine Höhe von bis zu 2000 Meter erreichen. Extrembergsteiger haben in dieser Landschaft ihre Freude, die aber durchaus nicht ungefährlich ist. An einem in der Nähe befindlichen Berg wurde 2004 Goldmine eröffnet und ab und an lässt sich in den Flüssen der Region sogar ein kleines Goldstückchen finden. Wir haben leider keine Zeit für die Suche nach Bodenschätzen, sondern schauen uns innerhalb des Ortes noch einige Schätze bzw. Sehenswürdigkeiten an. Im alten Ortskern befindet sich das größte Freilichtmuseum in Grönland. Insgesamt neun Gebäude dokumentieren die Geschichte des Landes und seiner Bewohner. Neben der Kultur der Inuit, der Wikinger und der ersten Siedler in Grönland rund um Erik den Roten werden auch verschiedene Objekte der dänischen Kolonialzeit dargestellt. Leider ist an diesem Tag das Museum geschlossen, aber ein Gang entlang der Gebäude und ein Blick durch die Fenster lassen einen interessanten Besuch vermuten. Den Spruch „Beim nächsten Mal schauen wir uns das an“ lassen wir in dieser Situation lieber nicht fallen. Nach Nanortalik, dem kleinen Ort an der Südspitze Grönlands, fährt man nicht mal eben so. Die bunt bemalten Holzhäuser sind durchaus fotogen. Entlang der wenigen Straßenzüge lassen sich Schulen, ein kleines Krankenhaus und eine markante weiße Kirche aus dem Jahr 1916 entdecken. Direkt neben der Kirche fällt ein großer Stein auf, der, von der richtigen Seite betrachtet, dem Profil von Knud Rasmussen stark ähnelt. Der grönländisch-dänische Polarforscher, Ethnologe und Buchautor führte zwischen 1912 und 1933 sieben große Expeditionen nach Nordgrönland und in die arktischen Gebiete Kanadas und Alaskas durch. Durch seine Forschung konnte man große Fortschritte bei der Deutung und Konservierung der Kultur der Inuit verzeichnen. Wer sich mit der Geschichte und Kultur Grönlands beschäftigt, wird immer wieder auf seinen Namen stoßen. Als wir am kleinen Hafen des Ortes an einer geselligen Runde von Einwohnern vorbeischlendern und diese uns einladen, doch ein Stückchen von ihrem getrockneten Robbenfleisch zu essen, erinnern wir uns an die schrecklichen Todesumstände des Polarforschers: Knud Rasmussen starb im Oktober 1933 an einer Fleischvergiftung, die er sich auf einer Reise durch Ostgrönland zugezogen hatte. Wir lehnen die Einladung dankend ab. Ob dies die netten Menschen verstehen konnten? Schließlich soll Robbenfleisch hier eine echte Delikatesse sein … Nachdem wir uns den Ort intensiv angeschaut haben und das an Bord der „Cape Race“ fehlende Duschgel im letzten Supermarkt dieser Reise eingekauft haben, geht‘s zurück zu unserem kleinen Expeditionsschiff.  

Unsere Reise führt weiter in Richtung Prins Christian Sund, aber zuvor müssen wir noch ein etwa zwei Kilometer langes Eisfeld passieren. Kapitän Kim und seine Crew meistern diese Aufgabe routiniert. Langsam schiebt die „Cape Race“ mit dem Bug die vor ihr befindlichen Eisschollen beiseite. Es knirscht und quietscht lautstark und die im Schiffsinneren befindlichen Dieselmotoren drehen hoch. Maschinist Jaron flitzt barfuß übers Deck, klettert mit einem Lächeln im Gesicht hinunter in den Maschinenraum. Yeah, endlich sind wir da, im ewigen Eis von Grönland. Im Wasser und auf den Schollen können wir gesellige Robben sichten. Wir entdecken zahlreiche Sattelrobben mit einer Länge von bis zu 1,80 Meter, einige Bartrobben, aber auch Klappmützen und die am häufigsten in der Arktis vorkommenden, etwas kleineren Ringelrobben. Kein Passagier weilt in diesem Moment in seiner Kabine oder liest gemütlich in der Lounge ein Buch. Alle stehen versammelt und von der Kulisse sichtlich beeindruckt auf dem Vorderdeck des Schiffes und machen pausenlos Fotos. Was für eine Reise, aber es soll noch aufregender werden.

Nachdem das Eisfeld passiert ist, fährt die „Cape Race“, vom südwestlichen Labradorsee kommend, hinein in den knapp 100 Kilometer langen Prins Christian Sund. Die Meeresstraße bietet eine Traumkulisse. Links und rechts steigen hohe Granitberge empor. Der Sund ist geschützt vor starken Winden und das Wasser dementsprechend spiegelglatt. Nur vereinzelt sind kleine Eisfelder in den Seitenarmen zu erkennen. Sogar die Sonne scheint und so machen wir uns mit bester Laune in den Zodiacs auf den Weg zum Landgang. An den Berghängen entdecken wir zahlreiche Blumen, Kräuter, Moos, Heide und sogar kleine Bäume. Unser Tourguide Simon hilft beim Bestimmen der reichen Pflanzenwelt, die im arktischen Sommer vor allem in Südgrönland und auf der Diskoinsel weit verbreitet ist. Da sich in dieser Gegend gelegentlich Eisbären aufhalten, muss unser Reiseleiter aus Sicherheitsgründen immer ein geladenes Gewehr bei sich haben. Etwas mulmig ist einem in dieser Situation schon und so bleibt unsere Gruppe immer brav beisammen. Die direkte Konfrontation mit einem Eisbären kann tödlich enden, meist allerdings für den Bären selbst, denn die lizenzierten Tourguides werden für ihre Aufgaben sehr intensiv und verantwortungsvoll geschult. Ist ein Bär in Sichtweite, so wird ein ruhiger und geordneter Rückzug der Expeditionsgruppe vorgenommen. Sollte der Eisbär bereits in gefährlicher Nähe sein, so müsste ein tödlicher Schuss abgegeben werden. Dies muss natürlich auch im Sinne des Artenschutzes dringend vermieden werden und so findet ein Landgang immer unter größter Vorsicht für Mensch und Bär statt.  

An den Berghängen des Prins Christian Sund genießen wir die warme Sonne, die herrliche Sicht auf die einzigartige Natur und unsere kleine „Cape Race“, die unten im Sund auf uns wartet. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir nicht, dass dies die bekannte „Ruhe vor dem Sturm“ sein wird. Wir fahren noch knapp hundert Kilometer durch die Meeresstraße, die aus touristischen Gründen von vielen Kreuzfahrtschiffen passiert wird. Wir begegnen keinem einzigen Schiff auf dem Weg gen Osten, hinaus in die Irmingersee …

Frühmorgens am nächsten Tag. Laut krachend schlägt es an die Bordwand. Jeder, der bis gerade eben noch gemütlich in seiner warmen Koje geschlummert hatte, schreckt hoch. Was war das? Wieder kracht es, das ganze Schiff vibriert. Es knirscht, die Schiffsmotoren dröhnen lauter. Sogar die zentimeterstarke Bordwand scheint sich zu bewegen. Unsere Kabine liegt direkt unter dem Vorderschiff auf Wasserlinie. Was passiert hier gerade? Haben wir einen Eisberg gerammt und müssen jetzt gar um unser Leben fürchten? Leicht panisch schalten wir das Licht an und schauen instinktartig, ob es irgendwo schon einen Wassereinbruch gibt … Nein, alles scheint (noch) okay zu sein, aber an ein Weiterschlafen ist morgens um 5 Uhr nicht mehr zu denken. Wir ziehen uns ohne vorherige Dusche warme Sachen an und gehen hinauf zum Hauptdeck. Norbert, der bekannte Naturfotograf, steht schon seit Stunden in warmer Expeditionskleidung im leicht nebeligen Morgendunst an der Reling. Seine diversen Leica-Kameras sind bereits auf Stativen montiert und freudig ruft er uns entgegen: „Wale!!!“ Überall sind sie zu sehen. Meist können wir Grindwale entdecken. Mit einer Länge von drei bis sechs Metern und einem Gewicht von maximal drei Tonnen gehören sie zur Familie der Delfine. Wir sind mächtig beeindruckt und bringen unsere Kameras ebenso zum Anschlag. Bald sind alle Passagiere an Deck und auch die Crew steht mit ihren Ferngläsern auf der Brücke und beobachtet das Naturschauspiel. Fast hätten wir vergessen, warum wir frühmorgens so aus dem Bett geschreckt sind. Um uns herum befindet sich ein kilometerlanges Eisfeld, das unser Kapitän Kim ganz locker durchquert. Da kracht dann halt mal ab und zu eine Eisscholle an die Bordwand. Wir werden uns an dieses Geräusch gewöhnen. 

Mittlerweile haben wir die Ostküste Grönlands erreicht und nehmen Kurs in Richtung Norden. Die Wettervorhersage ist aber alles andere als beruhigend. Auf offener See herrscht kräftiger Sturm mit bis zu acht Meter hohen Wellen. Die „Cape Race“ verträgt ein solches Wetter, wir aber eher nicht. Kapitän Kim steuert sein Schiff zunächst entlang der nahen Küste und fährt dann in den schützenden Timmiarmiut Fjord hinein. Wir ahnen nicht, dass wir hier drei Tage verbringen und gleich zwei Versuche unternehmen müssen, um diesen Fjord später zu verlassen. Auf alle Fälle ist dies besser, als draußen von einem kräftigen Sturm durchgeschüttelt zu werden. Während unsere „CaRa“ sicher an einer ruhigen Stelle ankert, machen wir uns mit den Zodiacs auf Tour. Wir sind begeistert von diversen kalbenden Gletschern, gehen auf Exkursionen an Land und irgendwann entdecken wir von unseren Schlauchbooten aus in der Ferne einen Eisbären. Was für ein Anblick! Gänsehaut pur. Vorsichtig und leise nähern wir uns. Da steht oder besser sitzt er und schaut zu uns hinüber. Er kann uns auf eine Entfernung von 200 bis 300 Metern nicht gefährlich werden. Das Wasser schützt uns. Zwar sind Bären hervorragende Schwimmer, aber unsere Zodiacs sind mit leistungsstarken Motoren ausgerüstet und wir könnten bei einem Angriff rechtzeitig den Rückzug antreten. Eisbären finden in den Sommermonaten zudem reichlich Nahrung, sodass auf Gummibooten schwimmende Beute mit wahrscheinlich unappetitlicher Daunenkleidung glücklicherweise keinen Leckerbissen darstellt. Wir dürfen hingegen reichlich Fotos machen und erleben zudem diesen magischen Moment, einen Eisbären in freier Wildbahn gesehen zu haben. Ganz egal, ob wir tagelang jeden Seitenarm dieses Fjordes erkunden werden – diese Begegnung mit dem weißen Bären wird uns für immer emotional in Erinnerung bleiben. Als sich beim Abendessen die Passagiere unterhalten, hört man immer wieder: „Das war jeden Euro wert“ – und das bei einer Kreuzfahrt für knapp 10.000 Euro …

Auf dieser Reise werden wir keinen weiteren Bären entdecken, denn die Crew muss nun versuchen, die „Cape Race“ wieder aus dem Fjord hinauszuführen. Der kräftige Sturm hat in den vergangenen Tagen ein großes Eisfeld in den Ausgang des Fjordes hineingedrückt. Auf einer Strecke von 18 Kilometern befindet sich ein zu 90 Prozent wasserbedeckendes Eisfeld. Kein leichtes Unterfangen für Kapitän Kim und seine Crew. Der erste Versuch scheitert nach knapp 16 Stunden. Die Strömung ist stärker als unsere Fahrgeschwindigkeit – wir müssen umkehren. Der nächste Versuch gelingt. Eine ganze Nacht manövriert Kim die „Cape Race“ hinaus aufs offene Meer. Doch bevor wir in freies Fahrwasser gelangen, müssen wir noch ein 500 Meter breites Eisfeld durchqueren, das sich auf einem bis zu drei Meter hohen Schwell, einer heimtückischen Dünung auf der Wasseroberfläche, bewegt. Langsam und mit äußerster Konzentration navigiert der Kapitän sein Schiff. Der Crew ist anzusehen, dass es sich hier um eine äußerst gefährliche Situation handelt. Würde sich eine der mächtigen Eisschollen über die Bordwand der „Cape Race“ bewegen, könnte dies fatale Folgen haben. Nach knapp einer Stunde haben wir auch diese Situation gemeistert. Wir Passagiere haben fleißig Fotos gemacht und Kapitän Kim kann sich den Spruch, dass dies wohl die zweitgefährlichste Situation in seiner ganzen Zeit mit der „CaRa“ gewesen sei, nicht verkneifen. Im gefährlichsten Moment sei das Schiff wohl von einem jungen Offizier gesteuert worden, der schlicht einen großen Eisberg übersehen hatte und diesen frontal gerammt hätte. Auch das hat die „Cape Race“ mit Besatzung und Passagieren schadlos überstanden. Na dann! Wir sind jedenfalls froh, auf einer solchen Reise einer so erfahrenen Besatzung mit einem so zuverlässigen Schiff unser Leben anzuvertrauen. 

In den zwei weiteren Tagen lässt Maschinist Jaron die Schiffsmotoren auf Vollgas laufen. Wir haben viel Zeit verloren und wenn wir unseren Flieger pünktlich in Kulusuk erreichen wollen, dann müssen wir bei Spitzengeschwindigkeit Seemeilen schrubben. Zeit für Landgänge bleibt nun nicht mehr, dafür genießen wir die Zeit an Bord. Abends werden interessante Vorträge gehalten, wir erfreuen uns am schmackhaftem Essen, probieren die Weine und verschiedenen Whiskysorten und holen auch ein wenig Schlaf nach. Einige testen sogar die bordeigene Sauna aus oder schmauchen ein Pfeifchen und strecken ihre Nasen gen warmer Sonne. 

Ganz pünktlich werden wir es wohl nicht mehr zum Flughafen in Kulusuk schaffen, sodass wir bereits vor Tasiilaq, dem mit ca. 2900 Einwohnern größten Ort im östlichen Grönland, den Anker werfen. Helikopter werden geordert und mitsamt unserem Gepäck geht’s bei einem knapp halbstündigen Flug direkt zum Rollfeld des internationalen Flughafens Kulusuk. Was für ein Abschluss einer so unglaublich schönen und faszinierenden Reise.